Die Rose

Category: Geschichten Published: Monday, 19 March 2018 Written by rz Print Email

"Was für eine wundervolle Rose.", dachte der Student, als er durch einen Park spazierte und sein Blick auf eine abgelegene Blume fiel. Sie stand allein unter einer alten Eiche im Halbschatten, denn nur ein paar wenige Sonnenstrahlen kamen durch das dichte Laubwerk zu ihr durch. Der Junge, der neu in der Stadt war und einen Platz zum Nachdenken und Schreiben suchte, war sofort bezaubert von dem zarten Wesen. Er setzte sich unter den Baum und betrachtete sie lange mit großer Freude. "Wie unglaublich fein und schön du bist. Ach! gerne würde ich dich besitzen.", sagte er plötzlich leise und nachdenklich, aber die Rose hörte es und sprach: "Wenn du mich anrührst, dann steche ich dich mit meinen Dornen. Ich kann nicht zulassen, dass du mich brichst - ich würde welken." Er erschrak ein wenig, als er das vernahm, denn er hatte noch niemals eine Pflanze sprechen gehört. Als er sich wieder gefasst hatte, antwortete er: "Aber nein, ich liebe deine sanfte Gestalt, ich könnte dir niemals etwas antun." Da beruhigte sie sich ein wenig und lächelte sogar und auch der Student, der jetzt ganz und gar fröhlich war, lächelte. Gerne wäre er noch länger geblieben und hätte ihr noch viele Fragen gestellt, aber er musste zu einer Vorlesung und so verabschiedete er sich von ihr und versprach am nächsten Tag wiederzukommen. Er kam wieder, sogar um die selbe Zeit und völlig außer Atem, weil er gerannt war. "Ich habe eine gute Idee,", sagte er und war froh, "ich könnte dich ausgraben und mit mir nehmen, dann hätte ich dich immer in meiner Nähe." Die Rose, als sie das hörte, brach in Tränen aus und große Wassertropfen kullerten über ihren Hals und benetzten den Boden. Dem Studenten wurde es ganz bang ums Herz und er fragte sie warum sie denn weine. "Ich kann nicht mit dir kommen, denn meine Wurzeln reichen zu tief. Du müsstest sie abschneiden, aber ohne sie wäre ich nicht mehr dieselbe und auch alle meine Freunde sind hier - hier ist mein Zuhause." Er saß nur still da und hörte sich in ruhe ihre Sorgen an und sie erzählte von der alten Eiche, die, seit die Rose ein winziger Spross war, schützend ihr Geäst über sie hielt. Aber sie erzählte auch von den Bienen und Schmetterlingen, die im Frühling immer kamen und mit ihr spielten und lachten. Von den Vögeln erzählte sie, die für sie die schönsten Lieder sangen und über ihr ihre Nester bauten. Als sie verstummte sagte er: "Es tut mir leid, ich war so verzaubert von dir und deiner Lieblichkeit. Ich wollte nur nicht mehr so alleine sein in meiner kleinen Mansardenwohnung. Es ist oft sehr schwer und bedrückend dort und nichts mag mir dann Freude bereiten." Da aber beugte die Rose ihren kleinen Kopf etwas und lehnte sich ganz vorsichtig zu ihm, denn auch sie kannte das Alleinsein nur zu gut. So verharrten sie eine Weile und kein Wort wurde gesagt, aber das war auch nicht notwendig. Dann aber verabschiedete sich der junge Mann von seiner neuen Freundin und versprach wiederzukommen. Tag für Tag kam der Student nun zu ihr und sie redeten oft bis spät in die Nacht hinein, denn sie teilten alle ihre Sorgen und Freuden miteinander. Manchmal aber schwiegen sie auch nur, oft lag er dann im Gras zu ihren Füßen und sie beugte sich über seinen Kopf und küsste ihm mit ihrer Blüte die Stirn. Monate vergingen so, die Tage wurden kürzer und kühler, doch die Bande zwischen den beiden wurde immer stärker. "Ich hab dich lieb.", sagte die Rose eines Tages, als jener einmal wieder schweigend bei ihr saß und sie voll Milde ansah. Da strahlte sein Herz vor Glück, denn er hatte sie auch sehr lieb gewonnen und er konnte sich nicht mehr vorstellen ohne sie zu sein. An diesem Tag blieb er bei ihr, auch wenn er entsetzlich fror, denn er wollte nicht in die Einsamkeit seines Dachzimmers zurück. Die Rose sorgte sich um ihn, war aber auch froh, dass sie ihn die ganze Nacht für sich hatte und als am Morgen die ersten Sonnenstrahlen zu ihnen durchdrangen, da weckte sie ihn mit einem zarten Kuss, denn sie wollte nicht, dass er ihretwegen seine Vorlesungen versäumte. Er verließ sie nur widerwillig und versprach am späten Nachmittag wiederzukommen. Sie freute sich den ganzen Tag darauf, sie sehnte sich nach ihm, doch als es bereits dämmerte und er noch immer nicht aufgetaucht war, fing sie sich an Sorgen zu machen, denn bisher war er noch nie zu spät gekommen. "Wenn ihm was zugestoßen ist." dachte sie verzweifelt. Ihr wurde schrecklich schwer ums Herz, sie fühlte sich ganz hohl und leer. Die Rose überlegte, was wohl passiert sein könnte und eine dunkle Schwermut brach über sie herein. Die ganze Nacht hindurch weinte sie und ihre Traurigkeit ließ auch die anderen Pflanzen und Tiere nicht unberührt. Sie versuchten sie zu trösten, aber nichts half. Am nächsten Morgen war sie völlig leergeweint. Ihre Blätter waren welk und weiß vom Salz der Tränen, aber immer noch weinte ihr Herz bitterlich. Der Student kam aber auch diesen Tag nicht. Am Morgen des dritten Tages, nachdem die Rose ständig nur geweint, aber nicht mehr getrunken hatte, hängte ihr Kopf leblos zu Boden - ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen. Spät am Nachmittag kam er dann schließlich, sichtlich müde und angeschlagen. Seine Stirn glühte, denn schlimmes Fieber suchte ihn heim. Er beugte sich zu ihr herab, aber sie zuckte nicht einmal. Tränen liefen dem Studenten über die Wangen, eine große Traurigkeit überfiel ihn, als er sie so sah. Er dachte an die vielen gemeinsamen Stunden, er konnte und wollte nicht ohne sie sein und von der Verzweiflung überwältigt, presste er die Innenseite seines Arms ganz fest gegen die Dornen der welken Blume. Spielend durchbohrten sie die zarte Haut des jungen Mannes. Blut quoll hervor und rann über den Stängel hinab. Lange kniete er so, noch immer weinte er, dann aber brach er zusammen und seine Augen verloren ihr Licht. Als aber der letzte Tropfen Blut seinen Körper verließ und auf die Erde tropfte, hob die Rose wie von Zauberhand ihren Kopf.

Man erzählte sich noch lange die Geschichte dieser ungewöhnlichen Liebe. Manche sagen, die Rose wäre vor Trauer erneut gestorben, andere, wie auch ich, aber meinen, die beiden hätten sich vereint und leben noch heute unter dem Eichenbaum.

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