Traumland

Category: Geschichten Published: Monday, 19 March 2018 Written by rz Print Email

Die Tage verbrachte er stets draußen im Freien, egal ob es regnete oder die Sonne schien. Er liebte es, stundenlang im Wald zu spazieren oder nahe dem Fluss, an dem sich die Birken zum Himmel emporhoben. Er sog die Schönheit dieser Welt förmlich in sich auf, kein Bild durfte verloren gehen, kein Duft sich unbeachtet verflüchtigen - alles legte sich unvergesslich in seiner Erinnerung ab. Vielleicht waren es die Monumente einer im Sterben liegenden Traumwelt, die Zeugnisse einer längst untergegangenen Kultur, doch in ihm lebten alle jene Schätze wieder auf und erlangten so möglicherweise ein kleines bisschen Unsterblichkeit.
Wenn die Abende kamen und seine Füße schwer wurden, schleppte er sich hinauf in sein kleines Dachzimmer, das ihm dann immer ein wenig wie ein Gefängnis vorkam, aber es bewahrte ihn vielleicht auch davor, in jener überwältigenden Schönheit abzudriften und zu ertrinken. Lange schaute er noch aus dem Fenster und ahnte schwermütig und litt sehnsuchtsvoll.
So zogen die Jahre dahin - die Birken wurden abgeholzt, der Fluss von einem Damm eingezäunt und alle Schönheit schien nach und nach diese Welt zu verlassen. Schließlich war jener Ort nur noch eine endlose graue Masse aus Beton und Stahl. Obwohl er mittlerweile schon sehr alt war und kaum noch laufen konnte, spazierte er immer noch gerne, nun eben über geteerte Straßen, und war dabei stets in seine Erinnerungen versunken, in denen alles in vergangener Pracht erblühte.

Eines Tages traf der Alte ein kleines Mädchen, das in einem Rollstuhl saß. Es musste schon Herbst gewesen sein, aber die Jahreszeiten waren mit den Bäumen und Blumen verschwunden. Sie sah ihn aus traurigen Augen an. Da reichte er ihr die Hand und sie nahm sie und betrachtete schweigend die Falten und Risse, die sie wie zerknittertes Papier aussehen ließen. Dann strich er ihr sanft über den Kopf. Sie lächelte ein wenig, als ob sie verstanden hätte. An jenem Tag ging er das letzte Mal die schweren Treppen zu seiner Mansarde hoch. Oben angekommen legte er sich ins Bett und träumte, träumte alles aus sich heraus und immer mehr schenkte er dem kleinen Mädchen, bis nur noch jene letzte schöne Erinnerung blieb - seine Hand auf ihrem Kopf - sie behielt er und ging in eine andere Welt.

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